Die Augustiner Chorfrauen der Congrégation Notre-Dame / Congregatio Beatae Mariae Virginis heute

Ihr führt ein Leben von Aposteln (1)

Alix Le Clerc. Gemälde von Deruet

Die Congrégation Notre-Dame, gegründet 1597, wurde 1628 durch die Approbation, die offizielle kirchliche Anerkennung, in die kanonikale Ordensfamilie eingegliedert und erhielt den Titel „Chorfrauen des hl. Augustinus”, ein bestimmter kirchenrechtlicher Status. Damit war sie als apostolische Ordensgemeinschaft bestätigt. Während monastische Orden, z. B. die Benediktiner, intensives christliches Leben in der Zurückgezogenheit und Trennung von der Welt zu verwirklichen suchen, die Klöster wurden abseits der Wohngegenden gegründet, leben die kanonikalen Gemeinschaften im Kontakt mit den Menschen in Städten und in der Nähe von Ortschaften, sie wollen in die Welt hineinwirken.

Die sel. Alix Le Clerc (1576-1622) und der hl. Pierre Fourier (1565-1640), die Ordensgründer, wollten von Anfang an, dass das apostolische Leben der Congrégation vom Geist des hl. Augustinus geprägt sei. Pierre Fourier sah darin das Modell des apostolischen Lebens im doppelten Sinne, nämlich das Leben der Apostel mit Jesus und die Teilnahme an seiner Sendung, ein Leben im Dienste Gottes, der Menschen und der ganzen Kirche. Mit Jesus gehen überall, wohin er geht [2],diese Nachfolge leben wir nicht allein, sondern in Gemeinschaft mit anderen Menschen. Vorbild des Ordenslebens ist für Augustinus die christliche Urgemeinde in Jerusalem. Aus der Betonung dieser beiden Aspekte, Nachfolge Jesu und Gemeinschaft, ergibt sich die charakteristische Ausprägung des Ordenslebens der Congrégation Notre-Dame, grundgelegt in der Augustinusregel, in deren Mittelpunkt die Liebe steht. Die apostolische Arbeit ist getragen von der schwesterlichen Gemeinschaft und dem gemeinsamen Gebet, dem kirchlichen Stundengebet und der gemeinsamen Feier der Eucharistie. Unser Weg mit Jesus ist der Weg der Menschen unserer Zeit dort, wo wir leben. Unsere Sendung ist die der Apostel: Geht in die ganze Welt (Mk 16,15). Nichts konnte die Schwestern aufhalten, ihrer Berufung zu folgen. Kriege und Verfolgungen wurden Wege zu neuen Wirkungsfeldern. So kamen z. B. im Dreißigjährigen Krieg Schwestern aus den zerstörten Städten Saint-Nicolas- de-Port  und Nomeny nach Deutschland und gründeten das Kloster in Münster (Westfalen); der 1902 durch die kirchenfeindlichen Gesetze aus Frankreich vertriebene Konvent von Mattaincourt fand dauerhafte Heimat in Zalaegerszeg in Ungarn.

Wie in den vergangenen Jahrhunderten behält auch heute und für die Zukunft die Berufungsvision Alix Le Clercs ihre Gültigkiet. Sie schreibt: Ich sah eine Wiege, in der wie eingepflanzt ein Haferhalm mit fruchttragenden Rispen stand. Bei der Wiege war ein großer Hammer aus Eisen, der jedesmal, wenn die Wiege sich von der einen Seite zur anderen neigte, gegen den Halm schlug. Es kam mir in den Sinn, dass die Berufung, in der ich leben sollte, viele Verfolgungen erleiden werde, ohne zugrunde zu gehen. Das wollte mir dieser von sich aus sehr zerbrechliche Halm zu verstehen geben, der von dem Hammer weder gebrochen noch geknickt werden konnte,  und dass Unser Herr meine Berufung fest und stark machen werde. [3]

Immer sahen und sehen sich die Schwestern der Erziehungsaufgabe verpflichtet, so wie es jeweils erforderlich und möglich war und ist. Dabei ist das Wirken der Schwestern nicht ausschließlich auf die Schule beschränkt, sondern es können auch außerschulische Gruppen Jugendlicher und Erwachsener einbezogen sein.

Heute gibt es zwei Zweige des Ordens, die Congrégation Notre-Dame und die Föderation der Congregatio Beatae Mariae Virginis (C.B.M.V.), die in enger Verbindung stehen. Sie enstanden im 20. Jh. aus der unterschiedlichen strukturellen Entwicklung des Ordens in Deutschland (autonome Klöster) und Frankreich (Zentralisierung) infolge der Vorschriften des Kirchenrechts.

Die Congrégation Notre-Dame ist in 13 Ländern (vier Kontinenten) tätig. Sie hat insgesamt etwa 560 Schwestern. Die Klöster der Föderation sind in Deutschland, Österreich und der Slowakei mit zusammen etwa 90 Schwestern. Weit gespannt sind die Wirkungsfelder je nach den Erfordernissen und Verhältnissen des jeweiligen Landes und auch, vor allem in Europa, nach den Möglichkeiten der einzelnen Schwestern aufgrund ihres Alters.

Die Gründungsvision: "Lass es wachsen"

Alix Le Clerc hatte am Anfang ihrer Berufung eine Vision: Maria reichte ihr das Jesuskind mit den Worten: Lass es wachsen. [4] Sie verstand das als eindeutige Aufforderung zum apostolischen Einsatz für die christliche Erneuerung des Volkes. Grundlegend für die Congrégation Notre-Dame ist auch die Aufforderung Marias: Alles, was er euch sagt, das tut. (Joh 2,5) In diesen beiden Worten gründet bis heute der Einsatz der Schwestern. Als besonders dringliche, umfassende und nachhaltige Weise den an sie ergangenen Auftrag zu erfüllen sah Alix die Unterweisung der Mädchen aller Bevölkerungsschichten an. Denn in damaliger Zeit erhielten nur wenige Mädchen Unterricht. Auch in unserer Zeit sind für den Orden Schulen aller Art ein primäres Wirkungsfeld. In der Neufassung unserer Konstitutionen heißt es: In den sich wandelnden Verhältnissen der Zeit versucht unser Orden der apostolischen Sendung ... zu entsprechen, um so zur Entfaltung und Befreiung des Menschen in Christus beizutragen [5], eine wichtige Aufgabe für die christliche Schule in unserer pluralistischen Gesellschaft.

Die Klöster der Congregatio B.M.V. in Deutschland haben bis heute große Mädchenschulen: in Offenburg (ca. 1100 Schülerinnen) und Paderborn (ca. 1500 Schülerinnen) Gymnasium und Realsschule, in Essen ein Gymnasium mit ca 1500 Schülerinnen, geleitet von einer Schwester. Die Schule in Offenburg hat sich 2001 angesichts der geringen Zahl der Schwestern der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg angeschlossen. Diese hat sich die Förderung des katholischen Schulwesens und die Erziehung der Jugendlichen zu christlicher Lebensgestaltung und Weltverantwortung auf der Grundlage des kath. Glaubens als Ziel gesetzt. In Offenburg ist die stellvertretende Schulleiterin eine Schwester.

In Elsbethen bei Salzburg (Österreich) fanden die von der badischen Regierung 1875 aus Rastatt (Baden) ausgewiesenen Schwestern eine neue Heimat. Sie unterhalten eine Hauptschule (das entspricht in etwa einer Realsschule in Deutschland), die von ca.160 Schülerinnen besucht wird, davon 25 im Internat. In einem Hort werden ca 15 Volksschulkinder betreut.

In der Slowakei konnten im August 1990 die ersten Schwestern nach Bratislava zurückkehren. Schon Mitte September nahm die Krankenpflegeschule, die den Namen des hl. Pierre Fourier trägt, ihre Tätigkeit auf. Es war eine der ersten kath. Schulen, die in der Slowakei nach der Wende gegründet wurden. Sie hat zur Zeit etwa 130 Schülerinnen und Schüler. Zum Schuljahr 1991/92 wurden Grundschule und Gymnasium Alix Le Clerc eröffnet. Die Namenswahl verweist auf den Wunsch der Ordensgründerin, soviel Gutes, wie nur möglich zu tun. Die Schwestern wollten sie als Mädchenschule führen, doch erhielten sie die staatliche Genehmigung nur für eine koedukative Schule. Nach großen Schwiergkeiten und Verzögerungen konnte 2002 der Schulhausneubau für das Gymnasium vollendet werden. Die Grundschule hat etwa 420 Schülerinnen und Schüler, das Gymnasium etwa 450.

Wir sehen unsere besondere Aufgabe darin, jungen Menschen zu helfen, ihr Gewissen und ihr Urteil im Geist des Evangeliums zu bilden und entsprechend zu handeln. Unser Ziel ist es, die Jugendlichen ihr soziale, ethische und religiöse Verantwortung erkennen zu lassen. [6] Die Schulen sollen ganzheitliche Bildung vermitteln. Der Unterricht muss inhaltlich, didaktisch und methodisch den Erfordernissen der Zeit und den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung entsprechen. [7]

Unter Leitung von Schwestern und Laien sind in Frankreich die 16 Schulen der Congrégation Notre-Dame schon seit mehr als 15 Jahren in der Association Educative Alix Le Clerc (AEAL) zusammengeschlossen. Auch wenn den Schwestern aufgrund des Alters und des mangelnden Ordensnachwuchses die Präsenz in der Schule fast nicht mehr möglich ist, wird auf diese Weise die Verbindung der Schulen mit dem Orden aufrecht erhalten und durch entsprechende Begleitung (Ausbildung, Seminare usw.) der Geist der Gründer gewahrt. Gemäß den Anforderungen unserer Zeit wollen die Schulen der Aufforderung Pierre Fouriers nachkommen, die Schüler und Schülerinnen zu lehren zu leben und gut zu leben [8] Das bedeutet Wachsamkeit für das, was das Leben wachsen lässt, was befreit und was zerstört. Schule als dynamisches Beziehungsgefüge und Weggemeinschaft, wie es augustinischem Geist entspricht.

Vertreibung im Kulturkampf ermöglicht neues Wachstum

1876 gründeten die aufgrund der Kulturkampfgesetze aus Trier vertriebenen Schwestern in Jupille (Lüttich/Belgien) eine Niederlassung, die sich schnell zu einem blühenden Kloster entwickelte. Von hier kamen im Dezember 1906 Schwestern nach Brasilien. Es war die erste Gründung des Ordens außerhalb Europas. Mit einer feierlichen Messe zu Ehren des hl. Josef wurden am 19. März 1907 in Sao Paulo Kloster und Schule eingeweiht, vor genau 100 Jahren. In Brasilien sind die Schwestern vielfach in den Städten und Randgebieten der Städte, sie haben Gymnasien aber auch Armenschulen, handwerkliche Kurse für Erwachsene und zur Alphabetisierung usw., um die Arbeitschancen zu erhöhen. Von großer Bedeutung ist auch die pastorale und biblische Arbeit, sowie die Ausbildung der christlichen „Leader“ in den Gemeinden. Etwa 100 Schwestern leben in Brasilien, sie haben Niederlassungen in mehreren Staaten. Vielfältig ist ihr Arbeitsfeld und groß sind die Herausforderungen angesichts der sozialen Misstände und der damit zusammenhängenden geistigen und körperlichen Not.

Noch größer ist die Notlage im Kongo. Zwar hofft man in der Demokratischen Republik Kongo nach der ersten demokratischen Wahl im vergangenen Jahr auf eine Besserung der Verhältnisse. Etwa 50 afrikanische Schwestern in der Provinz Katanga gehören zur Congrégation Notre-Dame [9]. Ihr Durchschnittsalter beträgt 36 Jahre. 21 Schwestern sind noch in der Ausbildung, finanziert durch die Hilfe der internationalen Ordensgemeinschaft. Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Kongo liegen auf niedrigster Stufe, es fehlt weitgehend jegliche dauerhafte Infrastruktur. Die Erziehung wird kaum vom Staat finanziert und den schulischen Einrichtungen fehlen die Mittel. In Kolwezi unterhalten die Schwestern verschiedene Schulen. In Kinkondja haben sie ein Krankenhaus in ländlicher, sehr armer Gegend. Es ist als Kreiskrankenhaus eingestuft, doch stehen nur äußerst bescheidene Mittel zur Verfügung. - Seit 2004 unterstützen vier Schwestern im Dorf Mukula-Kulu den Pfarrer beim Wiederaufbau der Gemeinde. Sie unterweisen die Dorfbewohner u. a. in Ernährungslehre, den Frauen und Mädchen bringen sie Nähen bei, kümmern sich um Gottersdienste und Religionsunterricht und um vieles andere. Noch weitere Projekte werden die Schwestern im Kongo nach und nach in Angriff nehmen, um den Menschen neue Lebenschancen zu geben.

Auch in Vietnam hat die Congrégation viele junge Schwestern, jährlich treten etwa drei bis vier junge Frauen ein. Insgesamt sind es 60 Schwestern, sie haben 7 Niederlassungen in Süd-Vietnam. Ihre Erziehungstätigkeit erstreckt sich von der Universität bis zum Kindergarten. Einige Schwestern unterrichten an staatlichen Schulen oder auch an religiösen Zentren der Diözese. Außer einem normalen Kindergarten unterhalten sie einen für autistische Kinder. In einer Werkstatt nähen junge behinderte Frauen Kleider und sticken Blusen, Tischtücher usw., um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zwar gibt es eine allgemeine Schulpflicht in Vietnam, aber aus verschiedenen Gründen, die mit der Armut zusammenhängen, besuchen nicht wenige Kinder der armen Bevölkerung keine Schule. Für sie haben die Schwestern eine Armenschule in der Bannmeile von HôChiMinh-Stadt (früher Saigon) eröffnet. Die ärmsten Kinder erhalten dort ihr Mittagessen. Nun gab die Regierung die Genehmigung, eine weiterführende Schule anzuschließen. Der Grundstein wurde Ende letzten Jahres gelegt. - Fast alle Schwestern sind pastoral tätig. Sie engagieren sich in nahegelegenen Pfarreien in der Kinderkatechese, erteilen Tauf- und Eheunterricht, organisieren für die Eltern Tagungen zu Erziehungsfragen. Während der Sommerferien gehen die jungen Schwestern in Gruppen zu fünft in ländliche Gebiete, helfen den Kindern, schulische Lücken aufzuarbeiten, geben religiöse Unterweisung u. Ä. Auch in Vietnam ist das Wirken der Schwestern Lebenshilfe in umfassendem Sinn, angepasst an die Verhältnisse.

Die Congrégation Notre-Dame wurde am Weihnachtsfest 1597 gegründet. Das macht das Wesen unserer Ordensgemeinschaft deutlich. Jesus Christus ist Mensch geworden. Es ist die besondere Berufung augustinischer Gemeinschaften, spirituelle Zentren, Zentren der Menschlichkeit zu sein, dem Menschen zu helfen, ganz er selbst zu sein. Ihr seid wie Apostolinnen [10] schrieb Pierre Fourier an die Schwestern eines neugegründeten Klosters. Unsere Gründer lebten in einer Zeit des Umbruchs und zugleich des Aufbruchs, darin der unsrigen vergleichbar. Sie lebten aus einer tiefen Christusverbundenheit. Aus dieser Mitte schöpften sie Elan und Kraft für ihren unermüdlichen pastoralen Einsatz.

Die Neuevangelisierung ist heute ebenfalls von großer Aktualität, gerade in den Ländern West- und  Osteuropas. Macht sich im Westen die fortschreitende Säkularisierung und Entchristlichung immer deutlicher bemerkbar, so hat im Osten die jahrzehntelange kommunistische Herrschaft die Weitergabe christlichen Glaubens und christliches Leben  weitgehend verhindert. Religiöse Angebote für die Schülerinnen wie ora et labora-Projekte, Wochenenden zu biblischen Themen, Gottesdienste in der Advents- und Fastenzeit, kirchenmusikalische Veranstaltungen, Klassenstunden zum Thema Ordensleben heute und vieles mehr ergänzen das Schulprogramm unserer Schulen. Darüber hinaus werden immer häufiger geistliche Kirchenführungen, Meditationen über den Glauben und Ähnliches gewünscht, wird bei unseren Gemeinschaften spirituelle Orientierung oder Hilfe und Trost in schwierigen Lebensituationen gesucht.

Die dynamische, an Augustinus orientierte Spiritualität von Pierre Fourier und Alix Le Clerc, ihr wohlwollender und zugleich realistischer Blick auf den Menschen, die Achtung vor der Person können auch heute wegweisend sein. Diese Spiritualität ist nicht spezifisch für Ordensleute gedacht, Pierre Fourier will allen Christen Anleitung zur christlicher Lebensgestaltung geben. Wir sind, wie Augustinus sagt, gemeinsam auf dem Weg zu Gott gemäß unserer jeweiligen Berufung. Mit euch leben wir wir hier und für euch leben wir, das ist unser inniger Wunsch, mit euch bei Christus immerdar zu leben [11], so charakterisiert er seine Klerikergemeinschaft, das ist Wesensmerkmal einer augustinischen Gemeinschaft.

Die Congregatio Beatae Mariae Virginis / Congrégation Notre-Dame hat ihren Namen in Erinnerung an die Bezeichnung, die Augustinus den gottgeweihten Jungfrauen seiner Diözese gab. Alix Le Clerc, die Ordensgründerin, sagt: Ich war immer darauf bedacht, unsere Pläne unter den Schutz der Jungfrau Maria zu stellen. Und ich habe großes Vertrauen auf ihren Beistand und erbitte alles von Gott durch ihren Sohn und durch sie. [12]

Mater memento Congregationis tuae (Mutter gedenke deiner Congregation), steht über der  Marienstatue am ehemaligen Klosterportal des Klosters in Trier.

                                                                                 Dorothea Kuld CSA, Essen